010 MORGENPOST – Stadtluft macht frei

Stadtluft macht frei war eine der bekanntesten Parolen im deutschen Mittelalter. Leibeigene, die es geschafft haben sich über Jahr und Tag in einer Stadt aufzuhalten, konnten von ihrem Herrn nicht mehr zurückgefordert werden. Auch wenn die Leibeigenschaft längst abgeschafft ist, ist die Stadtluft noch immer etwas Besonderes. Führende Historiker sehen die europäische Stadt als große zivilisatorische Leistung unseres Kontinents. 

Während auf dem Lande die Menschen im Wesentlichen sämtliche Güter des täglichen Bedarfes selbst hergestellt und autark gelebt haben, fand in der Stadt frühzeitig eine Teilung von Aufgaben statt. Es gab Straßen, in denen Schuster oder Leineweber angesiedelt waren. Es gab Bäcker und Metzger. Waren des täglichen Bedarfes waren eigentlich nur in einer Stadt handelbar. Ein sehr bekanntes Beispiel ist sogar die Namensnennung der größten türkischen Stadt. Das Wort Istanbul ist ein ursprünglich griechischer Ausdruck und bedeutet „in die Stadt“. Die Stadt an sich und die Zielrichtung in die Stadt hinein war den Menschen rund um, damals Byzanz, Ausdruck und Identifikation genug, ohne den Namen der Stadt überhaupt erwähnen zu müssen.

Stadtluft ist etwas Besonderes. Heute noch treffen sich Menschen, die sich einander wildfremd sind, beim Landshuter Radltag, um miteinander einen schönen Tag zu genießen und sich vielleicht näher kennenzulernen. Man kann in einer Stadt ganz anonym und für sich sein, andererseits die immensen Vorteile genießen jederzeit und meist fußläufig am prallen Leben einer Stadt teilnehmen zu können. 

Vor einigen Jahren war ich mit meinem Vater in Berlin. Nahe der Friedrichstraße stand ein dickes amerikanisches Motorrad mitten auf dem Gehsteig. In der Nähe lungerten einige junge Burschen herum, die man sich in der niederbayerischen Provinz wohl nicht gerade als Lieblingsschwiegersöhne aussuchte. Es kam ein Blinder, sehr fein gekleidet, der mit seinem Stock regelmäßig an den Randstein schlug. In wenigen Sekunden wäre er über das Motorrad gestürzt, wenn nicht einer der jungen Leute ihn plötzlich und unvermittelt zur Seite genommen und ihn um das Motorrad herumgeführt hätte. Der Blinde setzte nach einem Kopfnicken den Weg fort, die Jungs lungerten weiter herum. Ich freute mich über dieses Zeichen wie man miteinander umgehen könne. Lakonisch bemerkte mein heute fast 87-jähriger Vater hierzu nur, dass die Menschen in einer so großen Stadt miteinander leben müssten.

Das Miteinanderleben, die Stadtgesellschaft, ist das Stichwort für die Mitglieder der Landshuter Mitte Fraktion aus Dr. Maria Fick, Claudia Zehentbauer, Prof. Dr. Thomas Küffner, Hans-Peter Summer und Tilman v. Kuepach. Wir begreifen die Stadt und ihre Gesellschaft als eine Lebensgemeinschaft. Landshut ist dem Status einer Ackerbürgerstadt längst entwichen, sondern muss Wert darauf legen, das Leben in der Stadt den Bürgern angenehm zu machen, auch ohne dass großartige Investitionen getätigt werden. 

So ein Beispiel ist die mögliche Sperrung der Papiererstraße in Höhe des Stadtparkes. Andere Städte, z. B. Madrid, verringern den Durchmesser ihrer Prachtstraßen um dem Leben und den Grünflächen mehr Raum zu geben. Wir werden im Sinne einer modernen Stadtentwicklung auch versuchen den Bürgern, und nicht dem Auto, den Stadtraum zur Verfügung zu stellen.

Am Schluss noch eine weitere Episode aus der Stadt Berlin. Es war eine fürchterliche Fahrt von Landshut nach Berlin mit dem Auto. Stauungen und zum Teil strömender Regen. Endlich in Berlin nahe dem Potsdamer Platz. Es war hier ein wunderschöner milder Mainachmittag und viele Stühle standen vor einem Café. Am Straßenrand ein Halteverbotsschild. Ich hatte kaum einen Kaffee bestellt, als die Politesse anfing mein Auto aufzuschreiben. Ich jammerte laut und übertrieb meine Anreise mit Schneestürmen und tausenden von Gefahren. Die Politesse, die, wie die übrigen Cafébesucher, dieser Räuberpistole zugehört hatte, wandte sich an die anderen Gäste des Cafés mit der Frage, ob sie nun den Strafzettel ausstellen solle oder nicht, was ihr mit einem einstimmigen lauten Nein quittiert wurde. Sie verabschiedete sich, dass sie in einer halben Stunde das falsch geparkte Auto aufschreiben würde.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche,

Ihr

Tilman v. Kuepach

Landshuter Mitte Vorstand:
Prof. Dr. Thomas Küffner, 1. Vors.
Ulrike Aigner, 2. Vors.
Hans-Peter Summer, 3. Vors.
Herbert Lanzinger, Schatzmeister
Wolfgang Perzlmeier, Schriftführer 
Neustadt 532-533
84028 Landshut
info@landshutermitte.de