022 MORGENPOST – Die Martinskirche und die Duldsamkeit

Gerade in letzter Zeit geht es viel um die Duldsamkeit der Menschen. Der Atomstrom wird 2o22 abgeschaltet und die Kohlekraftwerke sollen nach den Vorstellungen vieler lieber heute als morgen abgeschaltet werden. Nun fragt sich, wo der Strom herkommen soll.  

Bayern besitzt, klimatisch bedingt, Sonne in Hülle und Fülle, nur meist nicht im Winter, zumal die Dächer hübsch verschneit sind. Als Lösung bietet sich eigentlich nur an, den nahezu ständig zur Verfügung stehenden Windstrom aus dem Norden der Republik in den Süden zu leiten. Viele theoretische Anlieger fürchten das Schlimmste und machen gegen die Stromtrassen mobil.

Um den Straßenverkehr zu entlasten, soll der Brenner-Basistunnel über die Alpen Entlastung schaffen. Die Zufuhrstrecken zum Tunnel erregen im Inntal um Kiefersfelden die Menschen auf das Höchlichste. Keiner will eine Bahntrasse vor der Tür haben. 

Um Landshut soll die B 15 neu herum Richtung Rosenheim gebaut werden. Auch dürfte bei konkreter Trassenwahl die Empörung der Anlieger groß sein. Das ist verständlich. Auch jeder der Leser würde bei einer persönlichen Betroffenheit sich in einer Bürgerinitiative engagieren.

Ein Beispiel aus der Stadt Landshut soll einfach mal sprichwörtlich zeigen, wie es um die Duldsamkeit der Menschen in früherer Zeit gegangen ist. Die Landshuter St. Martinskirche ist nicht nur eine der schönsten gotischen Bauten, sondern auch ein kraftvolles Zeichen der Macht der Landshuter Bürger gegen die Obrigkeit. Der Martinsturm ist nicht deshalb 13o m hoch gebaut worden, um irgendeinen Weltrekord zu knacken, sondern um den auf der Burg wohnenden Herzog zu zeigen, dass die „einfachen“ Bürger ein Bauwerk errichten können, dass höher als die Burg ist, obwohl es von niedriger Talaue aus gebaut werden musste und doch die höchsten Zinnen der Burg überragte. Gleichzeitig war damit auch keine Anmaßung verbunden, da das Bauwerk ja dem höchsten, göttlichen Wesen diente. Freilich haben die Landshuter damals schon verkündet, dass sie dem Herzog in die Suppenschüssel schauen wollten, was die Landshuter Bürger ja bis heute prägt.

St. Martin ist wirklich eine Sehenswürdigkeit für sich. Der Bau wurde um 1386 begonnen und um 15oo fertiggestellt, ein Bau, der als einer der wenigen gotischen Kathedralen Deutschlands auch im Mittelalter fertiggestellt wurde. Die großen Konkurrenten hinsichtlich der Turmhöhe, das Ulmer Münster oder Kölner Dom wurden erst Ende des 19. Jahrhunderts, nämlich 1873 bzw. 189o fertiggestellt. 

Als man in der Gotik begann hochaufragende Kirchen zu errichten, wuchs logischerweise das Bedürfnis nach entsprechenden Hebemaschinen. Schon lange gabe es einfache Kräne. Die Prinzipien einer Laufkatze und eines drehbaren Krans, auf dem die heutigen Baustellenkräne basieren, sind bereits im Mittelalter entwickelt worden. Dadurch wurde neben dem Heben von Lasten auch der Weitertransport auf der Baustelle erleichtert. Höhen über 2o m waren aber technisch nahezu unmöglich zu erreichen

Wie haben sich die Landshuter Baumeister beholfen, da sich der Turmstumpf der über dem Mittelschiff liegt, schon in 3o m Höhe befindet? Nach den Überlieferungen wurde vom Dreifaltigkeitsplatz aus eine Rampe entlang der Häuser errichtet, in der man mit Pferd und Wagen, zumindest Ziegelsteine und Kalk sowie Bauholz nach oben bis wahrscheinlich auf 3o m Höhe transportiert hat. Neben der Martinskirche waren in den Gebäuden des ehemaligen Landratsamtes und bis über die Spiegelgasse hinaus, also für mindestens 5o Jahre, Gerüste vor den Häusern gesetzt, wodurch der Ausblick auf die Altstadt nahezu unmöglich gemacht wurde. Das Befahren mit Pferdefuhrwerken dürfte darüber hinaus auf der holprigen Strecke kein Spaß gewesen sein. Wie viele Ziegel den Weg nach unten auf unkontrollierte Weise fanden, ist aber im Einzelnen nicht überliefert. 

Stellen Sie sich vor, dieses Beispiel würde heute passieren. Ich glaube nicht, dass Gemeinsinn, auch für das höchste Wesen, die Menschen veranlasste still zu halten und 5o Jahre auf eine Rampe vor dem Gebäude zu blicken.

Die Landshuter Martinskirche hat nicht nur den höchsten Kirchturm Bayerns, sondern war lange in die Neuzeit hinein, das höchste Gebäude des heutigen Deutschlands. Nur das Straßburger Münster sowie der Stephansdom in Wien waren auch in Europa höhere Gebäude. Nach Wikipedia gab es noch andere Kirchtürme, die aber in der Regel kurz nach ihrem Erbauen wieder zusammengestürzt sind. 

Der Leiter der Städtischen Museen betont immer wieder, dass dieses dritthöchste Gebäude auch heute noch für die Landshuter Martinskirche gilt, wenn man den Landkreis und die Stadt betrachtet, da der Kühlturm und das Windrad noch höher wären. Mit Verlaub. Windrad und Kühlturm der Kernkraftwerkes sind weder ein Gebäude (da sie nicht zum Aufenthalt von Menschen gedacht sind) und ob diese es schaffen 5oo Jahre zu überdauern, sei ebenfalls bezweifelt.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende 

Ihr

Tilman v. Kuepach

Landshuter Mitte Vorstand:
Prof. Dr. Thomas Küffner, 1. Vors.
Ulrike Aigner, 2. Vors.
Hans-Peter Summer, 3. Vors.
Herbert Lanzinger, Schatzmeister
Wolfgang Perzlmeier, Schriftführer
Neustadt 532-533
84028 Landshut
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