MORGENPOST – Die Bürgergesellschaft in Landshut

Wir in Deutschland leben mit der Geschichte anders als alle anderen Länder. Die Amerikaner haben das, was früher war, unter „great“ abgeheftet. Auch die Franzosen huldigen noch heute ihrer „Grande Nation“, und der Brexit der Insulaner resultiert zum großen Teil aus dem Verlust ihres Weltreiches. Die Landshuter Zeitung hatte vor Jahren einen amerikanischen Historiker geladen, der die deutsche Sichtweise partout nicht verstand. Aus dem Publikum hatte sich dann ein ganz normaler Bürger gemeldet, der die Sicht der Deutschen als Fahrt im Auto ansah und, dass auch hier der ständige Blick in den Rückspiegel nötig sei. Treffender kann man auch den Nutzen von Geschichte nicht beschreiben. Auch der berühmte Historiker war eine Minute lang baff.
Wie die Bürger von Landshut im Mittelalter mit Ihrer Stadt und mit ihrem Selbstwertgefühl umgegangen sind umgegangen sind, zeigt einmal mehr der Blick auf die St. Martinskirche. Nach dem großen Stadtbrand im Jahre 1342 wurde das Niveau der alten Stadt um rund 3m erhöht und die Vorgängerkirche von St. Martin musste in letzter Konsequenz neu gebaut werden. Um 1389 begann der Bau. Sicher sukzessive und nicht auf einmal wurde die alte Kirche abgebrochen. Der Neubau begann mit dem Chor, (der immer niedriger ist als das Langhaus) und schob sich über die Bauzeit allmählich nach Westen Richtung Turm. Wenn Sie mal nach Moosburg kommen, schauen Sie sich die Kirche St. Kastulus an. Hier ist der Chor höher als das Langhaus. Damals hat man angefangen die alte romanische Kirche ebenfalls abzubrechen und neu zu bauen. Das scheiterte aber irgendwann, so dass der viel zu hohe Chor mit der alten Kirche zusammengebaut wurde. Was wäre das für eine riesige Kirche geworden, wenn man die Proportionen Chor – Langhaus ins Verhältnis setzt.
Eine statische Berechnung gab es nicht und es sind auch in der Bauzeit Teile des Baues immer wieder eingestürzt, da das Tragwerk überreizt war. Erst 1441 wurde dann mit dem Bau des Turmes begonnen, der noch vor 1503 fertiggestellt wurde.
Während des Baues fanden die Unruhen von 1408 und 1410 statt. Zuerst empörten sich die Stadträte gegen den Herzog, dann die Bürger. Es gab massive Repressionen gegen die mächtig gewordene Stadt seitens des Herzoges und trotzdem zeigten die Bürger, dass sie mehr wären als der Herzog. Der Kirchturm musste schon allein 90m überwinden um die Burg zu erreichen und noch einmal weitere 40m um die Burg deutlich zu überragen. Die Landshuter Bürger, die den Bau der Kirche im Wesentlichen selbst bezahlen mussten, haben nicht nur die Turmspitze über die Burg, nein den Turm selbst so hoch gebaut, dass sie im wahrsten Sinnes des Wortes dem Herzog in die Suppenschüssel spucken konnten. Und dem Herzog hat das ganz und gar nicht gepasst. Er konnte aber nichts dagegen machen, sondern auch zähneknirschend einen Teil der Kosten übernehmen, da Kirche und Turm Gott geweiht wurden. Der Herzog selbst berief sich darauf von Gottes Gnaden als Fürst eingesetzt worden zu sein.
Auch war es verpönt, Bilder von lebenden Menschen zu malen. Viele Künstler haben dieses Verbot dadurch umgangen, in dem sie Ihre Angebetete eben als Maria mit Heiligenschein darstellten. Nur in den Reichsstädten, wie Nürnberg konnte weder Fürst noch Geistlichkeit dieses Verbot durchsetzen, was Albrecht Dürer auch schamlos ausgenutzt hat. Solche Rechte zu erkämpfen, haben die Landshuter Bürger damals gerade nicht geschafft. Mit dem Bau des Turmes zeigten sie aber ihren Willen sich gegen die Obrigkeit zu behaupten.
Wir, die Mitglieder der Fraktion der Landshuter Mitte aus Claudia Zehentbauer, Dr. Maria Fick, Hans-Peter Summer, Dr. Thomas Küffner und Tilman v.Kuepach, wollen unter Federführung unserer Kollegin Frau Dr. Fick auch den Selbstbehauptungswillen der Landshuter Bürger demonstrieren. Am Donnerstag, den 30.01.2020, soll der Theaterbauverein aus der Taufe gehoben werden. Wir wollen nicht akzeptieren, dass für alles in der Stadt Geld zu besorgen ist, nur für das Theater nicht. Frau Dr. Fick will im Gewande des gemeinnützigen Vereins auch Großsponsoren anwerben, für unsere gute Sache zu spenden. Es wäre doch gelacht, wenn Bürgerwille sich nicht auch im 21. Jahrhundert äußern könnte, um eine wichtige Sache zum Laufen zu bringen.
Wie hat unser verehrter Ministerpräsident bei seinem letzten Besuch so schön gemeint, als er bei einer Förderung von 75 % der Baukosten, er den Schwarzen Peter allein der Stadt zuschob?

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche.
Ihr
Tilman v. Kuepach