Faschingszeitung

Sie können sich sicher noch an den 3o. Oktober 1938 erinnern. An diesem Tag schrieb ein Hörspiel Rundfunkgeschichte. Orson Welles hatte den Science-Fiction-Klassiker „Krieg der Welten“ so realistisch inszeniert, dass vor allem im Großraum New York Menschen aus Angst vor einer Invasion vom Mars in Panik auf die Straßen liefen.

Die MORGENPOST warnt deshalb ausdrücklich alle Leser den nachstehenden Artikel ganz ernst zu nehmen. Wir haben aus einem ernsten Thema eine Faschingszeitung gemacht.

Die Verwaltung der Stadt Landshut schlägt einen tiefgreifenden Strukturwechsel der historischen Stadt von Landshut vor.

Nachdem die Baugenehmigung für das Gebäude Regierungsstraße 522, Landshut, erfolgreich abgeschlossen wurde, und jetzt statt eines Friseurgeschäftes eine Doppelgarage mit großem Schiebetor gebaut werden darf, soll dieses erfolgreiche Beispiel Schule machen. Alle anderen Gebäude in der Altstadt und Neustadt sollen jetzt anstelle der Läden Garagen aufnehmen, die durch praktische Schiebe- oder Schwingtore verschlossen werden können. Gerade im Bereich der Laubengänge ist das doppelt praktisch. Regelmäßig sind vor Garagen Abstellparkplätze zu bilden, um den fließenden Verkehr nicht zu behindern. Auf diese Art und Weise kann der Garagennutzer sein Auto kurzfristig in die Laubengänge abstellen, um dann das Garagentor zu öffnen oder zu schließen. Der Fußgänger- und Radfahrverkehr in der Altstadt wird auf diese Art und Weise nicht gestört. Besonders praktisch wäre eine Doppelnutzung des Rathausfoyers. Hier müssten nur die Eingangstore ein wenig verbreitert werden. Der Platz im Foyer ist so groß, dass mehrere Fahrzeuge untergestellt werden können. Sollte ausnahmsweise mal eine Ausstellung stattfinden, können auch bequem zwischen den Fahrzeugen Tische aufgestellt werden, die Wände bleiben ja von der Fahrzeugnutzung unberührt.

Einen weiteren Vorteil stellt nach Verwaltungsauskunft diese Nutzung dar. Momentan müssen Sicherheitswachten während der Nachtzeit in der Alt- und Neustadt patrouillieren um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Wenn alle Häuser endgültig mit parkierenden Autos im Erdgeschoß versehen sind, werden alle Tore einheitlich geschlossen. Es ist mit Sicherheit zu erwarten, dass dann auch keine vergnügungssüchtige Bevölkerung mehr auf eine Sicherheitswacht treffen kann. Diese Kosten kann sich die Stadt dann sparen.

Dieser Vorschlag erscheint Ihnen absurd. So absurd ist er nicht. Die Verwaltung hat in der Tat, ohne den Gestaltungsbeirat oder den Stadtrat zu fragen, einem Bauwilligen die Genehmigung erteilt, anstelle eines Ladenlokals hier eine Doppelgarage einzubauen. Dieses Beispiel wird möglicherweise an anderer Stelle Schule machen.

Die Fraktion der Landshuter Mitte, nämlich Frau Dr. Maria Fick, Claudia Zehentbauer, Prof. Dr. Thomas Küffner, Hans-Peter Summer und Tilman v. Kuepach verweisen in diesem Zusammenhang darauf, dass auch in A-Lagen der Stadt Landshut Geschäftslokale in nicht unbedeutendem Umfang leerstehen (Passberger-Haus, Süßigkeiten Hussel). Mit Fug und Recht spricht sich die Landshuter Mitte dafür aus, dass Flächen für den Einzelhandel in der Innenstadt und den Nahversorgungszentren der Stadt vorgehalten werden. Weitere großflächige Einzelhandelsstrukturen auf der grünen Wiese können für den Einzelhandel tödlich sein. Stirbt der Einzelhandel in der Stadt, ist das auch der Tod für die historische Innenstadt. Das lässt sich an unzähligen Parallelbeispielen anderer Städte nachvollziehen. Das entbindet den Einzelhandel natürlich nicht aggressiv auch auf Internetanbieter zu reagieren und selbst einen attraktiven Internethandel vorzuhalten.

Berühmtestes Beispiel für das Innenstadtsterben dürfte übrigens Detroit sein. Wenn sie früher die Cass-Avenue nach Downtown gegangen sind, das sind ungefähr 4 Kilometer, waren rechts und links der Straße Geschäfte die zum Bummeln und Flanieren einluden. Detroit hat eine schwere Krise durchgemacht. Die Cass-Avenue ist völlig verwaist und aus dem Michigan-Theater, einem ehemaligen Filmtheater, wurde ein Parkhaus gemacht. Das im Stile der französischen Renaissance gestaltete Interieur wurde im August 1926 eröffnet und hatte eine Kapazität von 4 o35 Sitzplätzen. Als ein Theater nicht mehr lukrativ war, schlug der beratende Bauingenieur vor, sich der Hülle des Gebäudes für eine sichere überdachte Garage zu bedienen. Der Haupteingang, durch den früher Tausende von Menschen geschleust wurden, war weiträumig genug um das Ein- und Ausfahren von Autos zu gestatten. Das lange Foyer, mit seiner geschwungenen Treppe, ließ sich problemlos in eine Zufahrt zu der gekurvten Rampe des Parkhauses umbauen. Der 6o m lange und 4o m breite Zuschauerraum bot genügend Platz um die geforderten 16o Autos auf drei Ebenen unterzubringen. Das Theater wurde entkernt. Die Beseitigung der Inneneinrichtung und die nachfolgenden Bauarbeiten wurden zweckmäßig durchgeführt. In die Seite des Zuschauerraumes wurde ein Loch geschlagen, die Inneneinrichtung abgebrochen, soweit es für die Errichtung einer einfachen Parkhauskonstruktion aus Stahl und Beton erforderlich war. Überall sieht der Betrachter die Zeichen brutaler Gewalt, abgesägte Balken, amputierte Balkone, zertrennte elektrische Leitungen, Belüftungsanlagen, die in den Raum hinunterbaumeln, sind doch Zeichen, wie brutal mit Kulturgut umgegangen wird. Die Autos parken heute unter den erhaltenen Decken aus Gemälden und viel Stuck.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Fasching.

Ihr

Tilman v. Kuepach